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Unfälle internationaler Schnellzüge in der DDR

 

Im genannten EK-Buch wird diese traurige Thematik nicht behandelt und soll der Vollständigkeit halber hier abgehandelt werden, gehören solche Vorkommnisse leider nun einmal auch zur Eisenbahn. Wenngleich internationale Schnellzüge in der DDR mit einer Ausnahme von großen Katastrophen verschont blieben, waren Betriebsunfälle und Störungen immer besonders problembehaftet, waren dabei doch oft ausländische Reisende unmittelbar betroffen. Ferner musste die DR auch für beschädigte Reisezugwagen anderer Bahnverwaltungen haften.

So ließ sich auch internationales Aufsehen nicht vermeiden, warfen die reichsbahntypischen Frontalzusammenstöße, Auffahrunfälle und Entgleisungen, sei es nun durch Signalmissachtung oder Oberbaumängel, ein Schlaglicht auf die Verhältnisse bei der DR und ließen deren teilweise niedrigen Sicherheitsstandard erkennen. So wurde im seinerzeit streng vertraulichen Untersuchungsbericht des Ministeriums für Staatssicherheit zum schweren Frontalzusammenstoß von Schweinsburg-Culten das Fehlen von Einrichtungen zur Zugbeeinflussung angemahnt, dabei waren sich alle Beteiligten über die Kausalitäten klar: Mangel an Tiefbaukapazitäten bei der DR, die unzureichende Bilanzierung von Investitionsmitteln, die dichte Belegung der meist eingleisigen Strecken und weitere Kalamitäten. So sah sich z.B. die einheimische Industrie lange Zeit außerstande, entsprechende Ausrüstungsteile zur punktförmigen Zugbeeinflussung zu liefern.

Diese Zusammenstellung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sie enthält die durch verfügbare Quellen genannten Vorkommnisse.

 

01.10.1958

Bei der Durchfahrt durch den Bf.  Wünsdorf zerknallt der Kessel der Lokomotive 03 1046 vor dem D 78 „Balt-Orient-Express“ Berlin – Bukarest.  Der Lokführer stirbt, sein Heizer überlebt wie durch ein Wunder schwer verletzt. Die Lokomotive und drei Wagen des D 78, dessen Insassen unverletzt bleiben, entgleisen, wie auch vier Wagen des im Nachbargleis stehenden Güterzuges Dg 6209, letztere durch die Druckwelle. Als Ursache der im Umkreis von 25 km hörbaren Explosion wird ein Aufriss neben der Längsschweißnaht eines Bodenflickens ermittelt, die wiederum eine Verschlechterung des Korrosionsverhaltens des Kesselbaustahls St 47 K bewirkte. Der vordere Langkesselschuss flog 450 m weit und beschädigte ein Gebäudedach, der obere Teil des hinteren Langkesselschusses durchschlug das Dach eines Holzschuppens, setzte fünf Mal auf und durchbrach in 300 Meter Entfernung einen Bretterzaun. Teile der Heiz- und Rauchrohre wurden 350 m entfernt aufgefunden, die Rauchkammertür flog in Fahrtrichtung 100 Meter. Nachdem die DB schon seit Mitte der 1950 Jahre Lokomotivkessel des bereits seit den vierziger Jahren als problematisch, weil nicht alterungsbeständig und schweißbrüchig erkannten Baustoffes St 47 K durch Neubaukessel ersetzte, sieht sich nun auch die DR gezwungen, etliche Dampflokomotiven der Baureihen 03.10, 41 und 50  neu zu bekesseln. Bemerkenswert hierbei war, dass Verkehrsminister Erwin Kramer erst den Vorsitzenden der staatlichen Plankommission, Bruno Leuschner, ersuchen musste, der DR entsprechende Stahlkontingente zu Verfügung zu stellen.

27.06.1960

Zwischen Rentzschmühle und Elsterberg (Strecke Bad Brambach - Gera) entgleist Ext 147 "Karlex" Praha - Berlin, gebildet aus einem CSD-M 495.0. Glücklicherweise wird nur ein Reisender leicht verletzt. Über die Ursache ist mir nichts bekannt. Bereits zwei Tage zuvor soll es auf gleicher Strecke zwischen Oelsnitz und Adorf (Vogtl) zu einem ähnlichen Unfall gekommen sein.

25.11.1963

In Fürstenberg/Havel entgleisen in einer Weiche die Lokomotive 03 1057 und mehrere Wagen des verspäteten D 24 Malmö – Berlin. Auf der für 50 km/h zugelassenen Weiche vor der nur eingleisig befahrbaren Havelbrücke kippt die Lok zunächst nach links, schaukelt sich auf, taumelt anschließend nach rechts und gleitet mit dem Führerhaus am Brückenträger entlang und stürzt nach Passieren der Brücke nach rechts um. Lediglich der dem Tender folgende Postwagen stellt sich quer. Auf dem Führerstand sterben Lokführer, Heizer sowie ein mitfahrender Lokfahrmeister des Bw Stralsund, mehrere Zuginsassen werden verletzt. Nur der Kastenbauform der Brücke ist es zu verdanken, dass die Lok nicht in die Havel stürzt und den Zug mit sich reißt mit weitaus schlimmeren Folgen. Als Unfallursache wurde überhöhte Geschwindigkeit angegeben, die laut übereinstimmenden Aussagen von Zugführer und Fahrdienstleiter höchstens 55 bis 70 km/h betragen haben soll. Ein Indusiaufschrieb existierte nicht, da die Lokomotive, obwohl für 140 km/h zugelassen, nicht damit ausgerüstet war. Außer Acht gelassen wurde bei den Ermittlungen außerdem der Zustand ihres Vorlaufdrehgestells, zumal 03 1057 rund 3 Monate zuvor (am 22.08.1963) in Sachsenhausen einen Bagger gestreift hatte.

07.10.1965

Am „Tag der Republik“ erwischt es abermals D 24 Malmö – Berlin, der im Wfpl. 1965/66 abweichend über Pasewalk und nicht über Neubrandenburg geführt wird. Im Bf. Sandförde missachtet der Lokführer der 03 1078 in dichtem Nebel das haltzeigende Ausfahrsignal und stößt mit dem P 669 Pasewalk – Ueckermünde zusammen. Lokführer und Heizer der Zuglok des P 669 kommen ums Leben, 30 Personen werden verletzt.

07.08.1967

Wegen einer Weichenstörung wird D 77 „Pannonia-Express“ Sofia – Berlin im Bf. Eichgestell (östlicher Berliner Außenring) auf Ersatzsignal in das von D 348 Berlin – Karlovy Vary besetzte Gleis eingelassen, wo er mit diesem zusammenstößt. Glücklicherweise ist die Geschwindigkeit gering, so dass alle Beteiligten mit dem Schrecken davon kommen.

Offenbar hatte man es auf dem Stellwerk „Egb“ unterlassen, sich vom Freisein der Fahrstraße zu überzeugen.

11.12.1968

Zwischen Fürstenwalde/Spree und Berkenbrück entgleisen in Kilometer 49,58 der Strecke Berlin – Frankfurt/Oder fünf SZD-Wagen des D 103 Berlin – Moskwa mit allen Achsen infolge mehrerer Schienenbrüche, die Zuglok 03 070 bleibt im Gleis.

25.11.1969

In Oschatz stoßen D 208 Warszawa – Paris und Dg 53653 zusammen. Aufgrund von Bau- und Elektrifizierungsarbeiten besteht in Richtung Riesa nur eingleisiger Behelfsbetrieb, sodass Züge aus östlicher Richtung nur auf Ersatzsignal über Hilfsfahrstraßen ohne blockelektrische Sicherung einfahren können. Nachdem bereits vorher ein Güterzug in Richtung Riesa durchgefahren war, vergisst der Weicherwärter auf Stellwerk 2 nach Auflösung der Fahrstraße das Anfangsfeld für das Ausfahrsignal G zu blocken. Als er vom Fahrdienstleiter blockelektrisch aufgefordert wird, den Fahrweg für den einfahrenden D 208 zu legen und zu sichern, was mechanisch weiterhin möglich war, und in der Annahme, die Aufforderung beziehe sich auf den vor dem Ausfahrsignal G wartenden Dg 53653, da das Befehlsempfangsfeld g ja entblockt war, versucht er das Signal G auf Fahrt zu stellen, was aufgrund der Wiederholungssperre nicht möglich ist. Als der Fahrdienstleiter anruft, um den Wärter fernmündlich über den Fahrweg in Kenntnis zu setzen, fällt ihm der Wärter ins Wort, beendet das Telefonat und beauftragt zu diesem Zeitpunkt auf dem Stellwerk tätige Signaltechniker mit der Beseitigung der vermeintlichen „Störung“. Kurz darauf kann Signal G auf Fahrt gestellt werden, worauf der anfahrende Güterzug mit dem Schnellzug bei geringer Geschwindigkeit zusammenstößt, sodass es bei zwei leicht beschädigten Lokomotiven bleibt.

23.05.1970

Wegen Weichenmängeln entgleist in Berlin-Charlottenburg ein Wagen des D 128 „Sassnitz-Express“ Malmö – München und stürzt um, wobei 6 Reisende verletzt werden.

20.07.1970

In Genshagener Heide (südlicher Berliner Außenring) fährt nach Signalmissachtung Lp 10422 dem D 348 Berlin – Karlovy Vary in die Flanke, wobei der am Schluss des D 348 laufende CSD-Packwagen und die Zuglok des Leerpersonenzuges 118 254 beschädigt werden.

31.10.1972

Im dichten Nebel überfährt der Triebfahrzeugführer des Ext 348 „Karola“

Leipzig – Karlovy Vary das haltzeigende Ausfahrsignal des Bf. Schweinsburg-Culten (Strecke Leipzig – Werdau) und stößt in einer Weiche frontal und mit hoher Geschwindigkeit mit dem D 273 Aue (Sachs) – Berlin zusammen. Mit 25 Toten, darunter auch beide Lokführer, und 66 Verletzten ist dies der folgenschwerste Unfall nicht nur im Triebwagenverkehr der DR sondern auch im internationalen Reisezugverkehr in der DDR. Der führende Triebwagen 175 004 des Ext 348 schiebt sich dabei unter die Zuglok 211 038 des D 273, die beim Aufprall auf den ersten Wagen des D-Zuge geschleudert wird. Der zweite Wagen des ersten von zwei fünfteiligen Doppelstock-Gliederzügen, aus denen D 273 gebildet ist, wird von der Wucht auf eine Wiese neben dem Bahndamm geschleudert. Außerdem werden die Beiwagen 175 403 und 175 501 schwer beschädigt. Auch hier verhindert ein glücklicher Umstand Schlimmeres. Hätte die Ellok des D 273 die Einfahrweiche bereits passiert, wäre der Triebwagenexpress dem Schnellzug in die Flanke gefahren, was sicherlich mehr Opfer gekostet hätte.

Eigentlich hätten sich beide Züge in Werdau begegnen müssen. Die Kreuzung auf der nach reparationsbedingter Demontage ihres zweiten Gleises beraubten Magistrale Leipzig – Werdau wurde aber wegen der 12-minütigen Verspätung des Ext 348 nach Schweinsburg-Culten verlegt.

13.11.1973

In Frankfurt/Oder fährt die Zuglokomotive 03 2250 des D 246 „Leningrad-Express“ Leningrad – Paris beim Umsetzen auf einen Postwagen auf.

15.03.1974

Ext 71 „Vindobona“ Berlin – Wien fährt in Schöna (Strecke Dresden – Decin) auf TEEM 40303 auf.

Infolge mangelhafter Verständigung zwischen den Fahrdienstlietern werden 3 Personen verletzt.

16.06.1974

In Zossen prallt der mit 01 2207 bespannte D 371 „Pannonia-Express“ Berlin – Sofia auf einem Bahnübergang mit einem Bus der Sowjetarmee zusammen. Näheres ist nicht bekannt.

23.06.1976

Vier Wagen des D 354 Berlin – Erfurt – Paris entgleisen in Eisenach vermutlich infolge einer Gleisverwerfung. Ein Bm der DB rammt dabei eine im Nachbargleis befindliche Rangierabteilung, bestehend aus der Diesellok 106 965 und einem Post der DP, die wiederum auf die sechs Meter unterhalb der Bahntrasse parallel verlaufende Straße „Rennbahn“ abstürzen und den Sitzwagen vor einem Absturz bewahren. 26 Personen werden verletzt.

Siehe dazu auch zwei interessante Beiträge im Drehscheibe-Online-Forum – hier und hier.

Bundesarchiv Bild 183-R0624-0017, Bild 183-R0624-0016, Bild 183-R0624-0043, Bild 183-R0624-0019

28.09.1976

In Berlin-Alexanderplatz entgleist die 118 354 vor D 243 Paris – Warszawa.

24.04.1978

In Berlin-Friedrichstraße entgleisen die Lok 132 407 und zwei Wagen des Ex 1321 (Flügelzug des Neptun).

05.10.1978

Bei Frauenhain (Strecke Berlin – Dresden)  entgleist der Triebwagen 175 002 des Ext 71 „Vindobona“ Berlin – Wien wegen einer festen Getriebewelle mit einer Achse.

02.07.1979

In Berlin Ostbahnhof kommt es bei der Zuglok 132 495 des D 1278 „Warnow“ Prag – Warnemünde zum Motorbrand

29.08.1980

In Forst Zinna (Strecke Berlin – Leipzig) kommt es beim Ext „Karlex“ abermals zu einem Motorbrand. Diesmal ist VT 175 011 betroffen.

27.01.1982

In Berlin Ostbahnhof entgleisen 2 Wagen des D 270 „Meridian“ Beograd – Berlin.

19.05.1982

D 320 „Neptun“ Berlin – Kopenhagen mit Zuglok 132 549 stößt zwischen Gransee und Altlüdersdorf auf einem Bahnübergang mit einem Traktor zusammen.

27.05.1982

Zwischen Marienborn und Helmstedt in unmittelbarer Nähe der deutsch-deutschen Grenze entgleisen drei Wagen des D 344 Berlin – Hoek van Holland.

06.07.1982

Der aus den Lokomotiven 132 457 und 132 499 sowie ČSD-Sitzwagen des D 1278 „Warnow“ gebildete D 523 Rostock – Berlin entgleist zwischen Grabowhöfe und Velist mit 115 km/h auf einer baustellenbedingten Langsamfahrstelle von 30 km/h.

59 Verletzte und erheblicher Sachschaden sind die Folge. Weil er sich nur ungenügend auf den Dienst vorbereitet, die La nicht beachtet und die Streckenbeobachtung vernachlässigt hat, wird der Lokführer zu zweieinhalb Jahren Freiheitsentzug verurteilt.

24.10.1982

D 358 Berlin – Basel fährt bei Leißling (Strecke Weißenfels – Erfurt) auf die verlorene Ladung eines Güterzuges, wobei Zuglok 211 077 entgleist.

26.01.1987

An einem Bahnübergang in der Nähe von Burg (Strecke Magdeburg – Berlin) klettert ein Betrunkener über die geschlossenen Schranken, wird von D 247 „Leningrad-Express“ Köln – Leningrad erfasst und getötet.

03.07.1987

Beim Umsetzen von Kurswagen des D 242 Warszawa – Paris entgleisen infolge Rangierfehler in Berlin Ostbahnhof 2 Wagen, 2 weitere Wagen überpuffern, vier Personen werden verletzt.

Bundesarchiv Bild 183-1987-0703-030

16.03.1987

In Hangelsberg (Strecke Berlin – Frankfurt/Oder) beschädigt ein herumschwenkender Kranausleger die Lok des im Nachbargleis vorbeifahrenden D 241 „Ost-West-Express“ Paris – Moskau und verletzt dessen Triebfahrzeugführer.

24.07.1987

Bei Brandenburg/Havel fährt D 244 Brest – Aachen in eine Rinderherde.

10.11.1989

Zwar nicht in der DDR, aber nur wenige Kilometer weiter südlich in der damaligen ČSSR, fährt auf der Strecke Praha - Bad Schandau ausgerechnet in der denkwürdigen Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 Ex 372 Balt-Orient-Express" Bukarest - Berlin auf den in der Station Nové Kopisty bei Lovosiče haltenden Personenzug Os 9622 Praha - Dečin infolge Signalmissachtung bei dichtem Nebel auf. Dabei sterben 6 Menschen, 58 wurden verletzt, davon 8 schwer. Aufgrund der politischen - um nicht zu sagen weltgeschichtlichen - Ereignisse jener Tage war der BOE nur schwach besetzt, weshalb die Zahl der Opfer geringer ausgefallen ist, als es die Unfallbilder befürchten lassen. Laut seznam.cd.cz wurde die Öffentlichkeit in der ČSSR damals sehr ausführlich auch über Ursache und Umstände informiert, was wohl ein Novum darstellte und als Vorzeichen für den Beginn politischer Umwälzungen in Prag gewertet wird.

Quellen:

Preuß, „Eisenbahnunfälle in Europa“, Berlin 1991

Ritzau, Hörstel, „Katastrophen der deutschen Bahnen – Teil 2, Chronik 1945 – 1992, Pürgen 1993

Garn, „Die Baureihe 03.10 der Deutschen Reichsbahn“, Berlin 2005

Eisenbahnkurier-Themen „Die DR vor 25 Jahren“, Freiburg 1990 – 2007

 

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